IMG 7183Zum 20.mal finden diese wahnsinns Trailläufe über die etwas verlängerte Marathondistanz (manchmal sehr verlängert – verlaufen ) statt und ich bin das siebente mal dabei.

Beim Anblick der Zeiten aus vergangener Zeit bin ich heute pro Etappe drei Stunden länger unterwegs als 1993 bei meinem  ersten MUM

Jeden Tag wollte ich etwas über das Lauferlebnis schreiben; hat nicht funktioniert, es gibt zu wenig  Stunden am Tag. Jetzt bin ich wieder in Berlin und will Euch einen kleinen Einblick in vergangene sieben Lauftage geben. Er soll zeigen, was möglich ist und euch vielleicht Lust machen auf eben dieses Laufabenteuer nicht weit weg von Deutschland.

Die Ausführung des Laufes hat sich in den Jahren verändert. Von 1992 bis 2000 zogen wir als „Wanderzirkus“ von Ort zu Ort. Start und Ziel waren jeden Tag in verschiedenen Orten und damit auch die Unterkunft. Jeden Morgen wurde das Gepäck gepackt, in den Bus geladen und wir fuhren in Richtung Start. Unterwegs gab es Besichtigungen, Mittagessen und dann den Start. Am Abend traf man sich im Ziel, meistens ein Schwimmbad (Duschen), Abendessen und Quartierbezug. Am nächsten Morgen ging es dann weiter. Irgendwann war der Aufwand zu groß und es gab ein festes Quartier. Von 1999 bis  2005 in Sloup und ab 2006 in Lomnice. Unser zu Hause ist jetzt jeweils die Schule des Ortes, bequem und großzügig. In diesem Jahr teile ich mir mit Michael Kienle ein Klassenzimmer. Dusche eine Etage  tiefer im Schwimmbad der Schule (Schule mit Schwimmbad? wo in Berlin). Frühstück -  zwei Etagen tiefer in der Küche, Mittagessen in unserer Etage. Marathon der kurzen Wege. Eine Stunde vor Start ist Abfahrt zum Startort.  Ziel ist immer und jeden Tag wieder in der Schule. Alle Läufe finden auf unterschiedlichen Strecken rings um Lomnice statt. Das Gelände lässt an Bergen und Steigungen nichts aus. Jeden Tag müssen ca. 800 bis 900 Höhenmeter bezwungen werden auf sehr unterschiedlichen und abenteuerlichen  Strecken. Dazu ist es wie bei all meinen bisherigen Teilnahmen (in den Jahren 1993,1996, 1998, 2006, 2007, 2009) sehr warm, nein, unglaublich heiß und das war es jeden Tag.

Aufmerksam geworden  auf diese Veranstaltung bin ich durch Familie Lenartz.

1992 meldete ich mich auf dem Zeltplatz in Davos an, der Swiss Alpine war die Ursache. Vor mir in der Schlange stand Frau Lenartz; als sie ihren Namen sagte, IMG 0772kamen wir ins Gespräch und sie sagte, dass ihr Sohn Burkart gerade von einem tollen Vorbereitungslauf in Tschechien gekommen sei. Das war der erste MUM. Beim zweiten war ich dabei, damals gab es zehn Läufe in zehn Tagen.

Rainer Schädlich und ich fuhren mit dem Zug bis Tisnov, wurden dort abgeholt und in Lomnice schon von Günter Meinhold, Michael Kiene, Bettina Keelan und Andreas Braun erwartet. Bettina und Andreas blieben indes nur einen Tag; der erste Lauf war zu schwer, vielleicht zu schwer für Mehrtageslaufeinsteiger; irgendwie schade; sie fuhren nach  Hause.

Nur am  ersten Tag gab es einen gemeinsamen  Start. Bei 36 Grad im Schatten um 14 Uhr und bei gefühlten 55 Grad wie beim Badwater Ultra ging es los, durch den Ort und gleich die Strasse hinauf, die wir am  sechsten Tag wieder hinunter laufen sollten, direkt in die Schule. Was für ein mühevoller ca. 3km langer Anstieg und was für eine herrliche Abfahrt am Ende der sechsten Etappe. Selten  Wind und selten  Wolken am Himmel über all die Tage; jeder Tag  -  eine wahre Hitzeschlacht und für mich, am Ende laufend, gab es  jeweils folgenden Abschluss: Der Himmel wird dunkel, Wind kommt auf, der Donner grollt über mir, es wetterleuchtet und auch Blitze zeigen sich. Es regnet, aber ich werde nicht nass. Der Regen läuft vor mir her, die Strasse ist nass – wie schön -, aber ich bleibe trocken.  Zum Glück waren unsere  Laufstrecken  oft bewaldet und es gab Schatten. Auch Unwetter in der Nacht brachten für den nächsten Tag keine Abkühlung.

Eine Änderung im Tagesablauf finde ich in diesem Jahr sehr positiv. Wir gehen nicht mehr auf Sehenswürdigkeitenschau vor dem Start- Abfahrt gegen neun Uhr mit Laufgepäck  um „Wunder“ in der Startstadt zu besehen. Wir bleiben im Quartier. Wer Lust hat, kann an einem Vortrag teilnehmen und wer das nicht will hat Freizeit bis zum Mittagessen um 11 Uhr.

Abfahrt zum Start ist zwischen 12:00 und 13:00 Uhr. Es wird in zwei Gruppen gestartet: 14:00 und 15.00 Uhr.  Vor dem Start bekommt jeder eine Trassenkarte zur Orientierung. Diese Karte kann sehr wichtig sein, mitunter „Lebensrettend“, wie ich es 1996 erleben konnte. Aber dies ist eine andere Geschichte; total verlaufen! Das erzähle ich ein anderes mal. Anreiz für alle: die Einen wollen sich so spät wie möglich fangen lassen, die Anderen wollen uns möglichst bald einholen.

IMG 6496Die müden Krieger horchen noch einmal auf der Matte (wird vom Veranstalter gestellt). Das kommt besonders mir zu Gute, da ich „fix und foxi“ von den Strecken bin. Die Anstiege sind so gewaltig, dass ich versucht bin, mich einfach fallen zu lassen und auf Hilfe von außen zu hoffen. Aber wer soll mir schon helfen? Keiner ist da, und niemand wird kommen um mich weiter zu befördern. Auch die „legendären Anrufe bei Ingo“ bringen nichts.  

Bei einem der Deutschlandläufe rief doch ein dänischer Läufer bei Ingo an und sagte: „Ingo, ich kann nicht mehr, ich bin müde“. Antwort: „Ich bin auch müde, die Hufe musste schon selber schwingen“. Also, Kopf runter (Steigung nicht weiter ansehen)  und Schritt für Schritt langsam und mühsam weiter, immer weiter.  Irgendwann bin ich dann oben und es war schaffbar und ist es jeden Tag wieder. Anders geht es auch nicht, denn anfangen heißt auch beenden, bisher jedenfalls.

Ich verstehe jetzt Karl-Heinz Jost der als Teilnehmer 2006 jeden Tag zählte: „Nur noch vier mal, nur noch drei mal, usw. Ich zähle heute genauso, obwohl es doch eine sehr nette Veranstaltung ist und Etappenläufe meine größte Freude sind. Jeden Abend schrieb ich 2006 an die Wandtafel in unserem  Klassenzimmers: „Wir schaffen das!“

Überhaupt war 2006  das Jahr des 100MC in Lomnice. Es teilten sich damals  Freude und Leid und das Klassenzimmer: Hajo, Dietrich Eberle, Lothar Preißler, Jobst, Kalli, Helmut Rosika und ich. Rainer Schädlich war auch dabei (nur mit Rainer nehme ich am MUM teil), er kennt alle Wege und Strecken und all meine Zeiten aus vergangenen und gemeinsam erlebten Läufen, kann die paar tschechichen Worte richtig betonen und aussprechen. Aber Rainer schläft auf Grund seines Schlafverhaltens  (lautes Schnarchen) immer im  Schwimmbad. Und auch Helmut suchte jede Nacht das Weite.

Der erste Tag war ein besonderer für mich. Lauf Nummer 1700, den  992.ten reinen   Marathon empfand ich besonders  schwer. Hinter mir lief nur noch András bis ins Ziel, der zu mir auflief als ich gerade bergauf die Länge der Waldschneise maß. Er zog mich wieder hoch, wischte die Erdreste mit Farn von meinen Knien und machte sich davon. Zwölf Minuten vor mir erreichte er das Ziel. Wir liefen noch zwei Tage in unmittelbarer Nähe, ehe ich mich abseilen konnte und am Ende zwei Stunden vor ihm den Lauf beenden konnte.

So vergehen die Tage. Vom  Wetter nichts Neues. Warm, windstill und sonnig, eben richtiger Sommer. Den Sommer gibt es in diesem Jahr scheinbar nur hier, hier in Lomnice.  Gerade kommt ein überhitztes Exmitglied aus seinem Bus und sucht Kühlung in unserem warmen Klassenzimmer. Gedanken an gestern: nach der ersten Verpflegung, geht doch  bergab einer vor mir. Es war Bepo, wie ich unterwegs erfuhr, als man ihn am Verpflegungstand begrüßte. Bergab  versägte ich ihn an jedem Abstieg, bergauf und auf der Geraden kam er wieder vorbei. Beim Anstieg zum Turm von Tisnov  verschwand er völlig aus meinem Blickfeld, aber nach der Bergabpassage  am Verpflegungspunkt hatte ich ihn wieder. Nun gab er Gas und ward von mir nicht mehr gesehen. Mittlerweile fing es an zu regnen. Abkühlung? Weit gefehlt. Es regnete auf ganz besondere Art. Riesige Tropfen kamen von oben in großen Abständen. Ich ging dazwischen durch ohne richtig nass zu werden. Nach kurzer Zeit war der Spaß vorbei, die Strasse aber nass und die Luft etwas kühler. Das Laufen war jetzt angenehmer.IMG 7303

Heute ist nun schon der sechste Tag und wir sind dem Ende schon sehr nahe. Es ist wieder Badwater Wetter so wie jeden Tag. Die Etappe Gestern grausam und schrecklich für mich, aber  mit einem wunderbaren Ende. Schon die Hinfahrt zum Start lies mich Böses ahnen. Pfeile auf der Strasse die sagten: Nur hier geht es nachher lang, immer auf dieser Strasse – bergauf – und bei vollem Sonnenschein, wenn sich  nicht doch noch ein Wölkchen  vor Klara schiebt.  Es schob sich keines. Start, zwei  Kilometer  in voller Bestrahlung durch eine Ortschaft und dann endlich Wald. Wie schön! Bis zur zweiten  Verpflegung (ca. 14km) und dann – große Katastrophe – alles Strasse, große Strasse mit Leitplanke, daneben in der Tiefe ein Fluss, für mich war kein Abstieg sichtbar um an ihn zur Kühlung zu gelangen (Günter indes hat eine Treppe gefunden und sie auch genutzt), alles in voller Sonnenbestrahlung. Der Sturmvogel bewegte sich  wie  eine 1000 Jahre alte Schildkröte. Die Strasse blieb uns erhalten  fast immer bergauf bis zu Kilometer 30. Ab hier wurde es für  mich besser. Die  Strasse führte jetzt  in den Wald. Der Himmel hatte sich verdunkelt; das Unwetter indes blieb aus. Aber es windete stark, wetterleuchtete und grollte. Etwas Angst hatte ich schon, so alleine auf weiter Flur. Ich wusste aber: ein Läufer ist noch hinter mir und einer ist kurz vor mir; ich sah ihn ab und an. Eigenartig – die Strasse vor mir war jetzt immer nass, ich selber aber hatte vom Regen nichts abbekommen. Auch waren Straßenabschnitte  mal nass, mal trocken – es muss punktweise geregnet haben. Es hatte sich abgekühlt und  damit stieg meine Laufintensität. Es machte auf einmal wieder Spaß. Strasse durch einen Hochwald –wunderbar! Der letzte Verpflegungspunkt wurde erreicht. Nur noch sieben Kilometer bis zum Ziel. Die Uhr zeigte ca. 10 Minuten vor der sechsten Stunde. Vielleicht konnte ich es doch noch unter sieben Stunden schaffen.  Nach einem „Wandertag“ konnte ich jetzt richtig laufen. Und es ging bergab! Nach ca. zwei Kilometer konnte ich zum vor mir Laufenden aufschließen und gemeinsam  liefen wir jetzt über Wiesen-  und  ganz gemeine  Steinwege. Vorsicht war überall geboten. Nur nicht noch stürzen! Der steinige steile Abstieg endete in Lomnice, nur noch etwas mehr als einen Kilometer bis zum Ziel und die Uhr zeigte noch 25 Minuten bis zur vollen Stunde. Nicht gemeinsam aber kurz hintereinander liefen wir ins Ziel. Geschafft, mit 6:46:33  konnte ich diesen Tag beenden. Mein Kopf sagte: ein bisschen laufen kannste eben doch noch!

Und heute? Nichts Neues ! Jeden Tag „Badwater“ Wetter. Heute Abend kann ich hoffentlich sagen:  Nur noch einmal!

Und dieser sechste Tag war der lustigste von allen. Ich hatte Gesellschaft, lief nicht alleine, habe mit Bepo und Dodo gelacht, auch wenn ich nicht alles verstanden habe worüber gelacht wurde. Dodo war der Läufer den ich am Vortag noch eingefangen hatte und Bepo war mir weggelaufen. Aber nun waren wir zu Dritt bis zu Kilometer 20. Mit Bepo lief ich zum Ende, Dodo kam 10 min. später ins Ziel. Er strengte sich dabei so an, dass er am  letzten Tag nicht mehr antrat. Schade! Aber jeder sieht es eben anders. Heute gab es die Bergabpassage von der ich am Anfang sprach. War das ein schönes Etappenende! Endlich konnte ich richtig schnell laufen nach all den mühseligen Anstiegen im Wanderschritt. Und schnell musste ich wirklich sein, wollte ich mich auch heute wieder unter der Zeit von gestern im Ziel einfinden. Und es klappte. Jeden Tag erarbeitete ich mir eine neue PB. Die letzte Etappe konnte ich eine Stunde schneller beenden als die erste.

Was war das einmalige? Nett und freundlich, hilfsbereit und fürsorglich waren unsere Gastgeber und Organisatoren. Danke, vielen Dank, ich habe mich sehr wohlgefühlt.IMG 7292

Einmalig: die Menschen hier leben mit ihrer Umgebung und in ihrer Umgebung. Wie sollte ich es anders sagen: Alle Orte hatten hier ihren Fluss. Noch nicht zu tief, sauber und klar das Wasser; Steine darin, wie es üblich ist. Auf diesen Steinen saß man, las, aß, sonnte sich. Man watete im Fluss, die Angel in der Hand. Wie gerne hätte ich mich auf so einen Stein gesetzt und mir die Füße im Wasser gekühlt. Ich stellte mir vor mit meinen Enkeln Jannick (9) und Lewin (5) im Fluss zu picknicken; wieviel Freude hätten sie dabei wohl gehabt. Etwas ganz anderes als Boot fahren auf der Spree.

Und unsere Wege? Wir bekamen jeden Tag eine Karte mit den markierten Wanderwegen auf denen wir uns zu bewegen hatten. Abweichungen waren mit Pfeilen und kleinen Kreppflatterbändern markiert. Trotzdem, wer achtsam war, war klar im Vorteil. Gewaltig die Logistik die die Streckenfinder beherrschen mussten. Ausgangspunkt und Ende einer jeden Etappe war die Strasse; dazwischen lagen Wälder, Wiesen, Felder, Flussläufe, auch umgefallene Bäume, gute Waldwege und steinige und wurzlige Stege. Es gab alles, jeden Tag. Steile Anstiege im Gelände und Abstiege auf der Strasse und umgekehrt. Und immer auch einen Verpflegungsstand  der Zufahrt an die Laufstrecke finden musste. Für diese Leistung vielen, vielen Dank. War es für mich schon mühsam mich überall durchzuwinden wie mühsam und anstrengend war es erst für den Markierer, der alles mit dem Fahrrad bewältigte.

Mir fiel auf: Im Gegensatz zur Schweiz habe ich keine Kühe auf den Wiesen gesehen. Nur am letzten Tag am Dorfausgang von  Kazárov  lagen sandfarbene Rinder in einer Umzäunung auf gelben Sand.

Reine Feldwirtschaft. Der An- und Ausblick war jeden Tag gewaltig, einmalig und schön.  Wir bewegten uns oft auf der Höhe des Geländes. Ein weiter Blick in die Täler und Hügel. Gelbe Felder in allen Schattierungen, dazu das Grün der Wiesen, im Hintergrund der dunkelgrüne Wald, blauer Himmel mit vereinzelten weißen Wölkchen, gelbe Sonne darüber – was für eine Freude das Ansehen zu dürfen und  sich in dieser Landschaft zu bewegen. Vögel habe ich  kaum gehört. Ihnen war es sicher zu heiß und außerdem sind sie am Tag ja mit Fressen beschäftigt. Hundegebell gab es in allen Dörfern. Endlich eine Abwechslung für die Felltiere hinter den Gartenzäunen; a m Gebell kann man übrigens  die Nähe der Verfolger erkennen. Ich habe Läufe erlebt, da hat der Hund sich heiser gebellt. Vom Ersten bis zum  Letzten vergingen Stunden und die ganze Zeit über hat das arme Tier angeschlagen.

Sieben Stunden waren für den Lauf jeden Tag vorgesehen; es war also immer schon 21:00 Uhr, wenn ich im Ziel war. Dann ganz schnell  Duschen, Umziehen und mit der Essenmarke ins Restaurant – fünf Minuten Fußweg. Dort warteten noch auf mich Günter und Michael bei Bier und Rainer Milch trinkend. Ich sitze jetzt – es ist schon nach Mitternacht auf meinem Balkon (also auch Sommer in Berlin) und lasse all das Erlebte  noch einmal an mir vorbei  ziehen. Ich denke an die Krämpfe  in der ersten  Nacht, an die kostenlose Massage die ich die anderen Tage nutzte, an die Begegnungen mit neuen und schon altbekannten Freunden (auch Thomas Russeck, der Organisator und Erfinder dieses Events lies sich sehen, es ist 20 Jahre her) und freue mich auf das nächste bevorstehende Abenteuer – Baltic Run. Schönes Wetter wünsche ich uns.

Alle Infos zum MUM:   www.mum.ultracau.cz

 

Die Veranstaltung endete mit Siegerehrung und einem Essen. Es gab Medaille, Urkunde und T-Shirt und viele Umarmungen. Eine Wiederholung ist möglich, vielleicht als Clubausflug mit Anstrengung. Das wünscht sich euer Sturmvogel